Geflügelte Worte

Du sprichst Französisch so langsam wie Dromedare gehen, mokierte sich bei meiner ersten Marokkoreise ein Mann über mein etwas eingerostetes Französisch. So etwas kann nur aus dem Mund eines Orientalen stammen.

Ach, wie wunderbar phantasiereich drücken sich die Menschen im Orient aus. Sie lieben Metaphern und blumige Beschreibungen. Für uns Deutsche und Österreicher klingt das oft einfach nur komisch. In einem arabischen Kochbuch fand ich den Satz: der Kaffee muss so heiß sein, wie die Küsse eines Mädchens am ersten Tag, so süß wie die Nächte in ihren Armen und so schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn diese von der Sache erfährt. Oder, aus dem gleichen Buch, das Kompliment für eine Frau: Oh du Gurke. Oh du Gurke, dein Gesicht ist wie selbst gemachtes Brot. Die Symbolik dahinter: Die Gurke steht für eine schlanke Gestalt und das Brot für ein rundes freundliches Gesicht.

Lobgesänge und Schimpftiraden

Der Hang zum Dick auftragen, zum Überemotionalen, Kitschigen hat etwas Zauberhaftes. Vom ersten Tag war ich in Marokko fasziniert vom Pathos und der Poesie der Marokkaner. Ergriffen lauschte ich immer wieder den Soukhändlern, die ihre Waren anpreisen, als würden sie ihnen eine Liebeserklärung machen. Sobald sie einen neugierig schauenden Interessenten bemerken, wird er mit tausendundein Wörtern eingelullt. Beim Verhandeln wechseln die Bazzaris spielerisch und urplötzlich zwischen ewigen Freundschaftsbeteuerungen, gestenreichen Zornausbrüchen über die Dreistigkeit des Kunden und herzzerreißenden Klageliedern über die Armut ihrer Familie und Kinder. 

Herrlich auch Meinungsverschiedenheiten auf der Straße. Selbst wenn ich kein Wort verstehe, die Theatralik und der Klang der Worte genügen. Männer überschütten einander mit Schimpftiraden, eine Menschentraube bildete sich, alle diskutieren mit und der eigentliche Anlass des Streites gerät dabei manchmal in Vergessenheit. So passiert, als ich im Gedränge der Medina von Marrakesch mit einem Radfahrer kollidierte. Wir beide und die Brotfladen des jungen Mannes landeten am Boden, der Radfahrer forderte Ersatz für die staubigen Brote und mindestens 15 Leute stritten heftig, wer nun Schuld an dem Unfall sei. Und keiner bemerkte, dass ich unauffällig hinter der nächsten Ecke verschwand.

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