Sansibar – Insel der Seeligen

Tansania geht mit Corona völlig anders um als der Rest der Welt. Der verstorbene Präsident Magufuli hat im Sommer das Virus für besiegt erklärt und setzte im Kampf gegen Corona auf Gebete statt auf die Impfung. Hier mein Bericht von der zu Tansania gehörenden Insel Sansibar. Warum die Menschen ihrer Regierung nicht glauben, aber trotzdem keine Angst haben.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf der Terrasse von Sarah, einer Langzeitreisenden, die hier für die nächsten Monate ein Haus gemietet hat. Der Blick von hier ist das Postkartenpanorama schlechthin: Meer, Strand und Kokospalmen und in einer Stunde wird die Sonne untergehen. Habe ich Sie neidisch gemacht? Genau das war meine Absicht. Wenn Sie irgendwie die Möglichkeit haben, lassen sie sich nicht in Österreich oder Deutschland einsperren und kommen sie hierher. Es ist wirklich wunderbar hier. Schon das Wort Sansibar klingt verheißungsvoll. Hier mischt sich Afrika, Indien und Arabien zu einem süßen, panorientalischen Cocktail. Corona ist bei Gesprächen allenfalls ein Randthema und niemand  hat Berührungsängste. In den Sammeltaxis und Bussen sitzen die Menschen übereinander, wie das in Afrika üblich ist, mehrere Stunden bis zur Bewegungsunfähigkeit eingekeilt. Innerhalb weniger Tage auf Sansibar werden Sie Corona vergessen haben. Und das wird Ihnen gut tun. Das mediale Dauerfeuer zu Hause geht direkt ins Hirn – ob sie wollen oder nicht. Und egal womit man das Hirn bombardiert, wenn man es oft genug wiederholt, setzt es sich dort fest. Und das erzeugt Angst. Oder Wut – je nachdem auf welcher Seite man steht. 

In den letzten Monaten ist Tansania, insbesondere Sansibar, zum Zufluchtsort für Leute wie mich geworden, die dem Wahnsinn zu Hause entkommen wollen. Sobald meine letzten für Jänner geplanten Vorträge endgültig abgesagt wurden, gab es für mich keinen Grund mehr in Österreich zu bleiben. Die Reise nach Sansibar war nicht geplant. Eigentlich wollte ich jetzt ganz woanders unterwegs sein. Aber das Land, in das ich wollte, lässt im Moment keine Ausländer einreisen und ich habe irgendwann eingesehen, dass es sinnlos ist, mich darüber zu ärgern. Glauben Sie nicht, dass ich immer so weise bin. Aber im Moment gelingt es mir ganz gut, die Dinge, die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren.

Gibt es auf Sansibar tatsächlich kein Corona?

Dass  Sansibar eine Insel der Seeligen ist,  glaubt hier kaum jemand. Warum sollte es hier kein Corona geben, wenn es Corona überall gibt. Es werden ja so gut wie nur Touristen getestet, die den Test für ihre Rück- oder Weiterreise brauchen. Und es sind  problemlos auch Fakezertifikate erhältlich.

Also empören sich die europäischen Medien zurecht über Magufulis Coronapolitik und das Land steuert auf eine  eine humanitäre Katastrophe zu? Nun. ich habe hier mittlerweile mit etlichen Leuten gesprochen und kann von einer drohenden Katastrophe nichts erkennen. Auch hier kennt nicht jeder jemanden, der an Corona gestorben ist. Von Geheimbegräbnissen habe ich nur in westlichen Medien gehört. Und auch das Krankenhaus in Sansibar Stadt ist nicht überfüllt.

Würden sich die Menschen Impfen lassen, wenn es die Impfung gäbe? Ja, sagen fast alle. Präsident Magufuli hat zwar wiederholt vor der Impfung gewarnt. Aber den Aussagen ihrer Regierung glauben die Menschen grundsätzlich nicht. Wenn sich die Europäer impfen lassen, wird die Impfung schon sicher sein. Aufstand wird es deswegen aber keinen geben. Wenn die Impfung in Tansania nicht erhältlich ist, dann ist das eben so. Die Welt dreht sich trotzdem weiter. 

Hakuna matata – Mach dir keine Sorgen

Aber warum sind die Menschen hier so entspannt, obwohl sie wissen, dass das Virus im Land zirkuliert? Warum haben sie hier keine Angst vor Corona wie der Rest der Welt? Eine gute Antwort hat ein Mann aus Daressalam, mit dem ich auf der Fähre von Unguja , der Hauptinsel des Sansibar Archipels nach Pemba ins Gespräch komme. Wir haben in Tansania jede Menge Krankheiten – Malaria, Denguefieber, Typhus, all die Horrorvisionen westlicher Afrikareisender. Wir leben damit. Aber wir wissen, dass das Leben trotzdem weitergehen muss und vertrauen auf Allah.

Dieser Mann ist weiser als die meisten europäischen Politiker. Frau Merkel, Herr Kurz sprechen sie mit diesem Mann. Was bilden wir Europäer uns eigentlich ein, wer wir sind. Zu glauben wir könnten das Virus besiegen, ist purer Größenwahn. Dieser Mann nennt es Allah. Man kann es auch Gott nennen oder Natur. Wie auch immer man es nennt: Es gibt Dinge, die größer sind als wir Menschen. Es war immer so und wird immer so sein, dass wir uns gegenseitig mit Krankheiten anstecken. Dass Menschen krank werden, ist kein Fehler der Natur. Und es ist auch kein Fehler der Natur, dass Menschen alt werden und sterben. Das ist das Leben. Liebe Politiker zu Hause in Europa, wenn ihr das abschaffen wollt, werdet ihr scheitern. Das wird es nicht spielen.

Das Leben einzustellen, weil es lebensgefährlich sein könnte, ist eigentlich das Dümmste, was man machen kann. Die Engländer sagen: There are two things that are granted in life, death and taxes. Der Tod ist das eine, was uns im Leben ganz sicher passieren wird. Wir können uns davor fürchten und das Leben vermeiden, um nicht zu sterben. Sterben werden wir am Ende aber trotzdem. Oder wir gehen aufrecht durchs Leben, fröhlich, ohne permanent die Hose voll zu haben. Mit dem selben Endergebnis, aber wir haben gelebt.

Der Mann hat recht, das Leben muss weitergehen. Wenn wir alles dem Ziel der Gesundheit unterordnen, schaffern wir das Leben ab. Mit einer Gesellschaft, die nach solchen Werten funktioniert, will ich nichts zu tun haben. Mein Leben ist jetzt fast ein Jahr praktisch stillgestanden. So wie das vieler anderer. Man nennt es Solidarität. In Wirklichkeit ist es das Unsolidarischste überhaupt, Menschen das Wertvollste zu stehlen, was sie haben, ihre Lebenszeit. Ich habe es also absolut nicht eilig zurückzukommen, solange die Situation zu Hause so ist, wie sie ist. Aber mal schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Anfang Mai gibt es noch ein paar Vortragstermine, die noch nicht abgesagt wurden. Wenn sie stattfinden können, würde ich gerne endlich wieder vor Publikum stehen, den Applaus hören, die verträumten Gesichter der Zuschauer sehen – das ist das Brot jedes Künstlers.

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